Herkunft der Straßennamen

Einige Jahre nach dem 2. Weltkrieg wurden in den Gemeinden Chieming, Hart und Ising die Straßen offiziell mit Namen versehen, da niemand mehr mit der alten fortlaufenden Numerierung zurechtkam.

Bis dahin gab es allerdings im Ort Chieming einige Straßen, die der Volksmund mit bestimmten Namen versehen hatte. Die heutige Theresienstraße wurde "Schachtelstraße" genannt, boshafte Zungen hatten die Straße nach einer Reihe von dort wohnhaften alten Damen so benannt. Natürlich konnte die Gemeinde so eine Bezeichnung nicht gut übernehmen. Anders bei "Poststraßerl" und bei der "Landstraße" in Egerer, die schon immer so hießen und auch heute unter diesem Namen im Straßenverzeichnis zu finden sind. Die "Markstatt" wurde seit Jahrhunderten so genannt und behielt auch ihren Namen.

Die ersten Hausnummern erhielten die Chieminger, Harter, Isinger und Oberhochstätter Anwesen vor ca. 180 Jahren. In Chieming war es der Pfarrhof, der immer die Nummer 1 erhielt. Von da liefen die Hausnummern bei der ersten Numerierung die heutige Hauptstraße bis ins Oberdorf, sprangen aber von einer Straßenseite zur anderen. Bei der zweiten Numerierung, die bis nach dem zweiten Weltkrieg galt, begann man wieder beim Pfarrhof, dem alten Hofmarkschloß. Nun liefen jedoch die Nummern an der nördlichen Seite der Hauptstraße ins Oberdorf und kehrten über die heutige Max-Kurz-Straße und die südliche Seite der Hauptstraße bis zum See zurück. In den anderen Ortsteilen war es ähnlich.

Durch die immer größer werdende Zahl von Wohngebäuden, vor allem nach dem Krieg, war man gezwungen, Bruchteilnummern einzuführen (z. B. 18 1/4), um jedes Haus numerieren zu können. Es liegt auf der Hand, daß die Situation immer unübersichtlicher wurde. Ein neu nach Chieming versetzter Postbote mußte - woanders war es genauso - schier verzweifeln.

Ich möchte jetzt die heutigen Straßennamen in unserer Gemeinde etwas näher beleuchten und auf ihre Herkunft eingehen. Ähnlich wie bei den Haus- und Flurnamen gibt es auch hier Kriterien, nach denen die Namen vergeben wurden.

Straßen sollen die Menschen irgendwo hinführen. So stelle ich die Straßennamen an den Anfang dieser Betrachtung, die nach Orten benannt wurden, in deren Richtung sie verlaufen. Hier bedarf es keiner besonderen Deutungen, die Ortsnamen sind alle bekannt. Beispiele wären die "Isinger Straße" in Stöttham, die "Tabinger Straße" in Hart, die "Hörpoldinger Straße" in Knesing oder die "Laimgruber Straße" in Chieming, um nur einige zu nennen. Auch gibt es in unseren Dörfern immer wiederkehrende Namen von Straßen, wie die "Dorfstraße" in Stöttham oder die "Hauptstraße" in Chieming. Auch sie sind ohne Erläuterung zu verstehen.

Die Landschaft und die Gewässer waren schon immer Anlaß, Straßen danach zu benennen. So hat der Chiemsee als besonders landschaftsprägendes Element bei drei Straßennamen Pate gestanden. Es sind der "Chiemseering" und der "Strandweg" in Chieming, sowie die "Seestraße" in Arlaching.

Das Frauenbacherl in Chieming entspringt in der Nähe des "Marienbades" und mündet nach einigen hundert Metern beim Schloß in den See. Es wird wahrscheinlich unterirdisch aus dem Sammelbecken Wolfsgrube gespeist. Nach ihm ist die "Frauenbachstraße" benannt. Woher die Bezeichnung Frauenbacherl stammt, kann ich nur vermuten. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen dem Marienbad und dem Frauenbacherl: Maria, Unsere Liebe Frau.

Der Lohbach entspringt östlich von Eglsee im Eglseer Moos, das dort schon zur Gemeinde Nußdorf gehört.

Der Lohbach fließt an Eglsee, Laimgrub und Egerer vorbei und gab somit der "Lohbachstraße" in Egerer den Namen.

In Hart finden wir den "Ackerweg" und den "Wiesenweg". Beide Straßennamen haben in den dortigen Fluren, die vor der Bebauung aus Äckern und Wiesen bestanden, ihren Ursprung. Ebenso war die Lage von "Forstweg" und "Wiesenweg" ausschlaggebend für die Benennung. Der Forstweg bekam seinen Namen von dem ganz in der Nähe angrenzenden "Harter Forst", einem Staatswaldgebiet von beträchtlicher Größe, südöstlich von Hart. Der Waldweg in Arlaching führt in der Tat durch das Seebrucker Holz.

Die "Sonnenstraße" in Stöttham bekam ihren Namen nicht von einer Geländeformation, sondern vermutlich von der sonnigen Lage der ersten, dort gebauten Häuser. Heute ist das auch schon wieder nicht mehr ganz so.

Schon immer waren Gebäude und sonstige bauliche Anlagen Namensgeber für Straßen. Beginnen wir in Chieming. Hier sind es drei bauliche Anlagen, nach denen Straßen benannt wurden. Der Weg führt uns jetzt wieder ans Seeufer zurück. Bis in die Zeit nach dem letzten Krieg bestanden südlich des Dampfersteges zwei Badeanstalten, Das "Chiemobad" und das "Strandbad". Durch Umstände, die hier nicht interessieren, wurde das Chiemobad aufgegeben, das Strandbad besteht heute noch. Der Weg "Bei den Bädern" soll an beide historischen Badeanstalten erinnern.

Die "Berghofstraße" in Chieming führt zu der ebenfalls bekannten Gaststätte "Berghof", hoch über dem nahen Seeufer.

Südlich von Pfaffing führt längs des Krebsbaches der "Quellenweg" nach Osten. Er gibt uns einen Hinweis auf die Quellen der Chieminger Wasserversorgung, die dort im Tal des Baches in einem Trinkwasserschutzgebiet liegen.

Bleiben wir am See, wo westlich von Stöttham, am Ufer, die bekannte Gaststätte "Seehäusl" zum Verweilen einlädt. Nach ihr ist der Weg "Am Seehäusl" benannt.

In Ising waren die berühmte Wallfahrtskirche, das Schloß und eine Wegkapelle Namensgeber für den "Kirchberg", die "Schloßstraße" und die Straße "An der Kapelle". Das dortige Baugebiet trägt ebenfalls letzteren Namen. Schließlich bleibt noch der ehemalige Eiskeller des Bräu in Hart zu erwähnen. Nach ihm wurde die dortige "Kellerstraße" benannt.

Einige Baumbezeichnungen waren für die Gemeinderäte der Anlaß zu Straßennamen. Sie finden sich ausnahmslos im nordwestlichen Teil des Baugebietes "Traunschlacht-Wolfsgrube". Es sind der "Buchenweg", der "Eichenweg", der "Eschenweg" und der "Erlenweg", sowie die "Lindenstraße" und die "Ulmenstraße".

Berühmte und verdiente Leute waren überall seit jeher Paten für Straßennamen. So auch in unserer Gemeinde, wo aber nicht nur Personen-, sondern auch Hausnamen verwendet wurden. Beginnen wir mit einem Mann, zu dem wir tief in unsere Geschichte hinabsteigen müssen, um dort festzustellen, daß dessen Existenz zwar unstreitig ist, aber letztlich doch noch nicht belegt werden kann. Er war ein bajuwarischer Edler und Sippenführer von solcher Bedeutung, daß nach ihm der Ort, der See und der ganze Gau benannt wurden. Er hieß Chiemo. Die auf ihn zurückführende Bezeichnung "Graf-Chiemo-Straße" ist insofern nicht ganz zutreffend, da es im 5. Jahrhundert sicher noch keine "Grafen" im heutigen Sinne gab.

Parallel zur Graf-Chiemo-Straße verläuft die "Irmingardstraße". Sie hat ihren Namen nach der seligen Irmingard, einer Tocher Ludwigs des Deutschen und Urenkelin Karls des Großen. Sie ist die Schutzpatronin des Chiemgaus, Tausende besuchen jährlich ihr Grab auf Frauenchiemsee. Sie war eine der ersten Äbtissinnen des von Herzog Tassilo gegründeten Benediktinerinnenklosters Frauenwörth und starb 866 im Alter von ca. 34 Jahren.

Beim nächsten Namensgeber bleiben wir noch beim geistlichen Stand, machen aber einen gewaltigen Sprung von fast 1.000 Jahren und treffen so auf Pfarrer Josef Gallinger, der von 1853 bis 1880 in Chieming wirkte. Er kam vom Kloster Schäftlarn im kgl. Landgericht Wolfratshausen und war dort, wie er selbst in seiner Bewerbung um die Pfarre Chieming darlegte, "Klosterfrauenbeichtvater - 58 8/12 Jahre alt und seit 25 5/12 Jahren Priester". Vor seiner Schäftlarner Zeit wirkte er als Missionar in Amerika. Von Gallinger stammt ein Spendenbüchlein, um für den damals fälligen Kirchenneubau milde Gaben zu sammeln. Die "Gallingerstraße" trägt seinen Namen.

Der "Goriweg" in Egerer heißt so nach der Gaststätte mit Pension "Goriwirt". Als erster Besitzer ist Gregor Thuspaß (1812 - 1877), Ziegeleibesitzer aus Pittenhart, samt seiner Frau Maria Mühlbergerin, erwähnt. Ob er das Wirtshaus erbaute, ist nicht bekannt. Der Name "Gori" stammt wahrscheinlich von Georg Thalhammer, ebenfalls Ziegeleibesitzer, einem seiner Nachfolger als Wirt. "Gori" ist eine Verkleinerungsform von Georg.

Max Kurz, Sohn von Mathias Kurz und Viktoria Prechlerin, Schäfflerseheleute von Chieming, lebte von 1861 bis 1900. Er war Zimmermann auf dem elterlichen Betrieb. Berühmt wurde er als Chiemgauer Volksdichter. Er schrieb Gedichte und einige Volksstücke, von denen eines beim 70. und 80. Geburtstag von Prinzregent Luitpold aufgeführt wurde. Josef Heigenmooser (siehe Josef-Heigenmooser-Straße) verfaßte über ihn ein kleines Büchlein, das 1902 als Sonderdruck in der illustrierten Zeitung "Das Bayerland" erschien. Der Volksdichter war der Namensgeber für die "Max-Kurz-Straße".

Besagter Josef Heigenmooser verwaltete von 1866 bis 1868 nach dem Tode seines Vaters die Chieminger Schule und wurde 1884 Direktor des Königlichen Kreislehrerinnenseminars in München. Die Chieminger verliehen ihm 1901 die Ehrenbürgerurkunde und benannten bei der allgemeinen Vergabe der Straßennamen nach ihm die "Josef-Heigenmooser-Straße".

Parallel zur oben erwähnten Irmingardstraße verläuft in der sogenannten Pfarrpfründesiedlung in Chieming die "Millkreiterstraße". Wolfgang Millkreiter, Bäckerbauer von Chieming (1863 - 1944), war von 1906 bis 1933 Bürgermeister der Gemeinde Chieming.

Eine ganze Chieminger Lehrerfamilie war die Namensgeberin für eine Straße in Chieming, wenn auch zunächst ein Lehrer aus dieser Sippe der Anlaß zur Benennung war. Es ist die Familie Seitz, deren Nachkommen heute noch in Chieming wohnen und nach der die "Seitzstraße" benannt wurde. Von 1904 bis 1929 leitete Franz-Xaver Seitz die Chieminger Schule. Er kam von St. Leonhardt. Zu seiner Zeit wurde 1912 ein Anbau am Schulhaus mit einem dritten Schulsaal, Lehrerzimmer, Dienstwohnung II. Ordnung und einem Gemeindezimmer aufgeführt. Die Baukosten beliefen sich damals auf 36.106 RM. Die Tochter Emma Seitz, noch vielen Chiemingern in bester Erinnerung, leitete von 1946 bis 1949 die Chieminger Schule. Die Predigten des Bruders Oskar Seitz, Geistlicher Rat in München, in der Pfarrkirche zu Chieming waren berühmt und zogen immer eine Menge gläubiger Zuhörer an.

In "Meyers Großes Taschenlexikon" steht unter den Buchstaben "ST":

"Steinheil, Carl August Ritter von, geb. 1801, gest. 1870, dt. Physiker und Astronom. - Ab 1832 Prof. in München, wo er 1854 eine eigene opt.-astronomische Werkstätte zur Herstellung von Objektiven gründete. S. war ein hervorragender Konstrukteur opt. und elektr. Instrumente.

S., Hugo Adolph (1832-1895), dt. Optiker, Sohn von C.A., Ritter von S.; übernahm die von seinem Vater gegr. Werkstätte; berechnete und konstruierte Objektive, u.a. das erste Weitwinkelobjektiv und den ersten Aplanaten".

Soweit das Lexikon. Steinheils Nachkommen erwarben 1899 das alte "Kaindl"-Anwesen in Stöttham.

Die dortige "Steinheilstraße" erinnert an diese bekannte Forscherfamilie. Den Ministerialrat Anton Haas zog es nach dem 2. Weltkrieg mit seiner Familie nach Chieming, wo er sich in der Lindenstraße ein Haus erbaute und dort zur Ruhe setzte. Die Gemeinde Chieming beauftragte ihn in den 50er Jahren mit der Durchführung der Flurbereinigung in unserer Gemeinde, die dank seiner Initiative erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Nach ihm ist die "Anton-Haas-Straße" benannt.

Im Jahr 1906 heiratete Johann Helminger, Höflersohn von Rückstetten (1882-1958), Maria Schrobenhauser, Wagnertochter von Chieming, und übernahm das Anwesen "Beim Hanslbauer". Helminger leitete 22 Jahre lang in den schweren Zeiten während und nach dem 2. Weltkrieg die Geschicke der Gemeinde. Die "Johann-Helminger-Straße" erinnert an den Altbürgermeister.

Ein anderer Bauer, der "Wolf" zu Pfaffing, jahrelang Gemeinderat und 2. Bürgermeister, maßgebend im Bayerischen Bauernverband und in vielen anderen öffentlichen Ämtern tätig, gelangte 1953 als Abgeordneter der CSU in den Deutschen Bundestag. Er widmete sich dort den Belangen der Landwirtschaft im allgemeinen und denen der Bauern im besonderen. Nicht zuletzt ist es ihm zu verdanken, daß die alten Austragler eine Bauernrente bekommen und nicht, wie so oft geschehen, auf Gnade und Ungnade ihren Nachfolgern auf dem Hof ausgeliefert sind. Klausner verunglückte 1958 mit seiner Tochter Elisabeth tödlich auf der Fahrt nach Bonn. Die "Wolfgang-Klausner-Straße" bewahrt das Andenken an den bekannten und beliebten Kommunalpolitiker.

Zwischen der Kapelle am oberen Ortsausgang von Chieming und dem Ortsteil Pfaffing zieht sich die eingangs erwähnte "Theresienstraße" entlang. Sie bekam ihren Namen von Therese Klausner, der alten "Wolfenmutter" von Pfaffing.

Bleiben noch zwei Hausnamen, nach denen Straßen benannt wurde. Das "Fuchsengasserl" in Chieming erhielt seinen Namen vom Anwesen "Beim Fuchsen", das schon seit 1513 so genannt wird.

Die Straße "Am Zenzenberg" führt von der Max-Kurz-Straße hinauf zur Kirche, wo der "Zenzenhof" steht, der übrigens auch schon seit 1532 den Hausnamen "Zenz am Pichl" trägt. Der Ursprung der Bezeichnung ist der Personenname Vinzenz.

Kommen wir nun zur letzten und größten Gruppe der Straßennamen, die ihre Herkunft in den zahlreichen Flurnamen haben. Der Gemeinderat war gut beraten, die alten Flurnamen durch die Benennung von Straßen ins Gedächtnis der Bevölkerung zurückzurufen. Das Kapitel der Flurnamen ist unendlich vielschichtig und für einen Historiker eine Fundgrube in gesellschafts- oder agrarhistorischer Hinsicht. Flurnamen erinnern, wie Haus- und Ortsnamen, an längst vergangene Orte, Nutzungen, sprachliche Besonderheiten und vieles andere mehr.

Betrachten wir einmal die Straße "An der Steinmauer". Der Flurname "Steinmauer" deutet auf vorgeschichtliche Mauerreste im Boden hin. Es ist durchaus vorstellbar, daß hoch über dem heutigen Chieming ein römischer Gutshof gestanden ist.

"Am alten Tor" ist vermutlich von einem Tor im mittelalterlichen Dorfzaun hergeleitet, der jede Siedlung umgab. Die Tore in diesen Zäunen hießen "Ester". Vielleicht befand sich einmal ein Tor an der Straße nach Egerer.

Ein "Hagen" oder "Hag" war im Mittelhochdeutschen eine Einfriedung oder eine Einhegung, ein Zaun also, meistens aus einer Dornenhecke bestehend, der irgendeinen Bereich einfriedete. Die Straße "Am Hagen" erinnert daran.

Das "Christelmal" wird meistens so verstanden, daß hier das Abendmahl aus der Passion gemeint sei. Fromme Hände haben sogar bei einem Haus in dieser Straße einen hölzernen Bildstock aufgerichtet, der die Abendmahlszene wiedergibt. Die wahre Deutung ist aber die, daß das romanische Grundwort "christa" oder "crista" einen Bergrücken bezeichnet. Das Wort "mal" bedeutet einfach "Grenze". Christelmal oder Christmal ist also eine Grenze über einem Bergrücken, wie sich das Gelände in der Tat dort auch so darbietet. Ähnlich verhält es sich mit dem Straßennamen "Am Venusberg". Hier denkt jeder sofort an Minnesänger, Thannhäuser und somit an das Hochmittelalter, das Richard Wagner so großartig besungen hat. Die Bedeutung des Flurnamens "Venusberg" ist jedoch viel profaner. Eine "Fenne" ist im Altbairischen ein sumpfiges Gelände. Hinter der Kaindlmühle (Sonnleitner) trifft man genau die in dem Flur- und auch Straßennamen beschriebene Topografie an: der "Fennesberg", wie er eigentlich heißen müßte, ist eine Leiten, ein Abhang an einem Sumpfgelände. In anderen Orten, wie z. B. in Siegsdorf, findet man beim dortigen "Venusberg" die gleiche Situation vor.

Eine "Mark", mundartlich "March" ist eine Grenze oder ein von einer Mark eingefriedetes Gebiet, dagegen bedeutet "statt" oder "stetten" die Stelle einer Siedlung. Somit wäre auch der Straßenname "Markstatt" erläutert. Meiner Meinung nach ist die Markstatt der älteste Teil von Chieming.

In Hart wurde in der neuen Siedlung am Westrand des Ortes eine Straße nach dem dortigen Flurnamen "Am Point" genannt. Eine "Point" oder auch "Peunten" war im Mittelalter ein Grundstück, das durch Abzäunung aus der gemeinsamen Nutzung (Dreifelderwirtschaft) herausgelöst und dann gesondert genutzt wurde. Heute versteht man unter einem "Anger" einen schönen, mit alten Bäumen bestandenen Platz im Dorf oder man bezeichnet so ein hausnahes Grundstück (Hausanger).

Im Mittelalter war ein "Anger", ebenso wie die "Point" eine unter Sondernutzung stehende Fläche im Dorf oder außerhalb desselben. "Am Anger" in Arlaching erinnert daran.

Den Flurnamen "Werfersee" konnte ich beim besten Willen noch nicht deuten, es sei denn, man hat das Gelände dort als "verworfen" bezeichnet. Daher kann ich auch zum Straßennamen "Am Werfersee" im Augenblick noch nichts aussagen.

Bei der Straße "Am Winkelzaun" wird wohl ein Eck im oben erwähnten Dorfzaun der Anlaß zur Benennung der Flur gewesen sein. Von einem Geländewinkel ist auf der Ebene zwischen Chieming und Egerer nichts zu finden. Dagegen kann man unter Umständen in dem bewegten Gelände östlich von Hart Winkel finden. Der Flurname "Osterwinkel", wobei "Oster-" hier Osten bedeutet, ist wohl so entstanden und gab der "Osterwinkelstraße" ihren Namen.

Bei der Forschung stößt man immer wieder auf Namen, die ihren Ursprung in ganz unterschiedlichen Begriffen haben können. Ein Beispiel ist die Wolfsgrube. Meistens sind "Wolfsgruben" Stellen, an denen wirklich Wölfe in Fallgruben oder Palisaden gefangen wurden. Ebenso könnte die Senke südwestlich der alten Schule in Chieming dem "Wolf" zu Pfaffing gehört haben. Die Straße "Wolfsgrube" hat also möglicherweise zwei Ursprünge.

Westlich von Egerer erhebt sich der "Linnersberg". Das alte Anwesen "Beim Schweizer" in Chieming, heute Bader, hieß im Mittelalter "Lindmayr". Da sich Namen im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder abschleifen, könnte aus Lindmayr Linner geworden sein. Eine andere Möglichkeit ist, die Herkunft des Flurnamens beim Personennamen Leonhardt - Lienhart - Linnart - Linner zu suchen. In Egerer hat man die "Linnersbergstraße" nach dem alten Flurnamen benannt.

Liest man das Wort "Weinberg", denkt man an die Anbaugebiete an Rhein, Mosel und Main, jedoch nicht an Stöttham. Es ist aber unstreitig, daß auch hier am Chiemsee Wein angebaut wurde, wie aus vielen Archivalien hervorgeht. Die "Weinbergstraße" in Stöttham erinnert an einen nach Süden geneigten Hang mit dem Flurnamen "Weinberg", wo in früheren Jahrhunderten in der Tat Wein angebaut worden sein soll.

Der "Seeäckerweg" verdankt seinen Namen den "Seeäckern", die zwischen Chieming und Stöttham zum See hin abfallen.

Die Straße "Weißkreuzäcker" weist auf die gleichnamige Flur zwischen Chieming und Pfaffing einerseits und der Landstraße andererseits hin. Hier stand wohl irgendwo ein weithin glänzendes - "weißes" - Feldkreuz oder ein solches, das zum Anwesen "Beim Weißen", heute Gießer, gehörte. "Eggart" und "Eggerich" sind Begriffe aus der Zeit der Dreifelderwirtschaft. Beide Wörter bezeichnen ein Feldgrasland, das meistens drei Jahre als Acker bearbeitet wurde, um es dann für die doppelte oder dreifache Zeit als Wieswachs zu nutzen. Die "Eggart-" und die "Eggerichstraße" in Egerer sowie der ganze Ortsteil Egerer erinnern an die Dreifelderwirtschaft.

Der "Grasweg" ist eine Flur, durch die ein unbefestigter Feldweg führte. Davon stammt der Straßenname.

Einst verbanden drei Wege Chieming mit Stöttham: im Norden die Landstraße, die ungefähr im Zuge der Römerstraße verlief, im Süden der Weg am See entlang, heute "Strandweg". In der Mitte führte der "Mitterweg" auf kürzestem Weg nach Stöttham. Er verläuft heute noch genau in der Trasse der "Churfürstlichen Land- und Salzstraß", die von Stöttham her kommend, ohne Chieming direkt zu berühren, über Pfaffing, Kraimoos zu den Salinen nach Traunstein und Reichenhall führte. Der heutige "Mitterweg" müßte eigentlich "Salzstraße" heißen.

In Egerer finden wir den Flurnamen "Engfeld", der seinen Ursprung in der "Enge" des Feldes, eines wirklich engen oder schmalen Feldes hat. Genauso verhält es sich mit den Flurnamen "Weitfeld" und "Sackländer" in Knesing. Diese Fluren waren die Namensgeber für die Straßen "Engfeldstraße", "Weitfeldstraße" und "Sackländerweg".

Die "Eichfeldstraße", ebenfalls in Egerer, weist auf eine Flur hin, die entweder mit Eichen bestanden war oder vor einem Eichenwald lag.

Zwei Straßennamen sind aus Flurnamen entstanden, die noch einmal etwas mit Wasser zu tun haben. Das "Wasserloh" ist eine Bezeichnung für einen lichten Wald - "Loh" - mit feuchtem Untergrund, wie er bei Egerer in früherer Zeit wohl zu finden war. Das "Bergmoos" war ein Hochmoor bei Stöttham. Dort ist der Untergrund ja heute noch sehr feucht. Aus beiden Flurnamen entstanden die Namen für die "Wasserloh-" und die "Bergmoosstraße".

Aus dieser Abhandlung ist ersichtlich geworden, aus welchen verschiedenartigen Herkunftswörtern Straßennamen entstehen. Die Gemeinde sollte auch künftig Straßen nur noch nach bekannten Persönlichkeiten, Örtlichkeiten und nach alten Flurnamen benennen, wie sie es bisher schon tat. Dafür gebührt ihr Dank!

Hans Seidel (V)
Ortsheimatpfleger